Potlatch & Jubeljahr

Dass die Schere zwischen Reich und Arm sowohl global als auch national zunehmend auseinander geht, das dürfte mittlerweile zum Allgemeinwissen zählen. Dies ist zum Beispiel im Film „Der Geist des Geldes“ von Yorick Niess aufgearbeitet. Hier der relevante Ausschnitt auf Youtube:

Ein Abschnitt im Buch „Der Tanz um den Gewinn“ von Prof. Bernd Senf thematisiert unter anderen auch dieses fundamentale Gesellschaftsproblem des Auseinanderdriftens von Reich und Arm einerseits und Schuldnern und Gläubigern andererseits (siehe Abbildung). Laut Senf wachsen Geldvermögen und Verschuldung spiegelbildlich zueinander und zwar exponentiell, bedingt durch das Zins- und Zinseszinssystem. Die sich so in der Gesellschaft und auf dem Planeten aufbauende Spannung müsse sich entsprechend in Krisen entladen.

Wie kann der Mensch dieser anscheinend systemimmanenten Problematik begegnen? Entweder er betreibt Ursachenbekämpfung oder nimmt von Zeit zu Zeit bewusst gesteuert die Spannung aus dem System. Zweiteres ist bzw. war in einigen Kulturen bereits lange vor der Zeit der modernen Wirtschaftskrisen und Verteilungskämpfe bekannt. Zwei Beispiele:

1. Potlatch

Potlatch bezeichnet ein Fest des Schenkens in diversen indianischen Kulturen an der Nordwestpazifikküste Amerikas. Durch die reichhaltige Beschenkung des Volkes hob der Häuptling oder ein anderes Stammesmitglied sein Ansehen. Dabei konnten die bei einem Potlatch gereichten Geschenke einen für die Verhältnisse des Gebers und dessen gesellschaftliches Umfeld enormen Wert erreichen. Es kam vor, dass die Erben eines ranghohen Verstorbenen ihr gesamtes ererbtes Wirtschaftsvermögen im Rahmen eines derartigen Festes hingaben, um ihrem Vorfahren ausreichend zu huldigen und um in den Genuss seines Wohlwollens zu gelangen und in der spirituellen wie rituellen Wertschätzung ihrer Zeitgenossen einen ihrer Abstammung entsprechenden Rang einnehmen zu können. Einer der Hauptanlässe des Potlatch war dabei stets die Neuverteilung der Reichtümer innerhalb des Stammes, wodurch eine zu starke Ansammlung von Reichtümern in der Hand weniger Mächtiger vermieden wurde. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Potlatches in Kanada und in den USA verboten (inzwischen wohl wieder aufgehoben).

2. Jubeljahr

Dies bezeichnet das Jahr, das bereits in den alten jüdischen Gesellschaften alle 50 Jahre wiederkehrte. Es beinhaltete folgendes: Alle hebräischen Sklaven wurden freigelassen; verkaufte und verpfändete Grundstücke kamen ohne Entschädigung aus fremden Händen wieder an den ursprünglichen Besitzer oder seine rechtmäßigen Erben zurück (mit Ausnahmen); und alle Schulden wurden erlassen. Das Jubeljahr leitet sich vom Wort Jobeljahr ab. Das hebräische Wort Jobel (yo-bale’) steht für den Klang des Schofars (Widderhorn), der das Jubeljahr ankündigt. Im Mittelalter kam es zu einer Verschmelzung des hebräischen Wortes mit iubilum (lateinisch für Aufjauchzen) und zur Bildung von Jubeljahr. Auch heute benutzt man noch den Begriff „alle Jubeljahre“ für „sehr, sehr selten“.

Heutzutage ist weder die Befolgung des Jubeljahrs noch das Abhalten von Potlatches weit verbreitet. Die Existenz der beiden zeigt jedoch, dass das Problem der Ansammlung von Reichtum in wenigen Händen einer Gesellschaft bereits sehr alt ist. Die gesellschaftlichen Einschnitte durch ein Potlatch oder ein Jubeljahr vermieden, dass die Armen sich hoffnungslos verschuldeten und reiche Gläubiger eine zu große Macht erhielten.

18. May 2009 · Totontli · No Comments
Posted in: NON-BIRD

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