Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken

Was denn jetzt: Inflation, Deflation, gar Disinflation? Zur Zeit wird zu viel herumorakelt, ob denn jetzt die Preise bald steigen oder bereits fallen, wie es in den USA jetzt der Fall zu sein scheint. Abwarten und Tee trinken, lasst sie oraklen.

Hier lieber etwas, was wohl jeder versteht: Wie entstehen denn Preise? Es hängt von Angebot und Nachfrage und Geldmenge ab, ob Preise steigen oder fallen. Nehmen wir eine gleichbleibende Nachfrage an: Steht eine große Menge Geld wenigen Gütern gegenüber, dann gibt’s große Preise für die Güter. Und steht eine kleine Menge Geld einer großen Menge Gütern gegenüber, dann gibt’s kleine Preise für die Güter. Ergo: Die Geldmenge in einer Wirtschaft spielt eine große Rolle bei der Preisbildung.

Hiermit wären wir beim Thema des Artikels. Was bestimmt die Geldmenge in einem Wirtschaftsraum? Oder anders gefragt:

Wie entsteht Geld?

Als standardinformierter Normalbürger denkt man: Die Zentralbank druckt das und gibt es aus bzw. die Zentralbank überweist es auf die Konten der Geschäftsbanken, wenn sie das Geld bei der Zentralbank leihen und die Geschäftsbanken verleihen es dann weiter. So ist das wohl.

Stimmt schon, aber das mit der Zentralbank ist nicht die ganze Geschichte. Heute sind in großem Maße auch die privaten Geschäftsbanken an der Schaffung von Geld, der sogenannten Geldschöpfung beteiligt. Wie funktioniert denn das?

Wenn z.B. eine Person oder ein Unternehmen einen Kredit bei der Geschäftsbank nachfragt, dann tippt die Bank die ausgeliehene Summe einfach auf das Girokonto des Kreditnehmers, schwupps da ist es und schon ist eine gewisse Summe neues Giralgeld entstanden. Früher nannte man das Giralgeld auch noch häufiger Buchgeld, denn es wurde noch in Bücher eingetragen. Wie auch immer, Giral- oder Buchgeld, beides ist virtuelles Geld und kein Bargeld. Dieses Giralgeld nennt man auch Kreditgeld, da es nur durch Kredit entsteht (Geldschöpfungsschritt) und durch seine Rückzahlung (Geldvernichtungsschritt) wieder verschwindet. Auch wird dieses Geld in englisch „Fiat Money“ genannt (von lateinisch “fiat lux” = “Es werde Licht” (hier also: “Es werde Geld”)). Dieses Giralgeld ist übrigens kein(!) gesetzliches Zahlungsmittel sondern nur eine numerische Forderung auf Bargeld. Man kann es jederzeit in „echtes“ Geld, also Bargeld, umwandeln, z.B. durch Abheben am Geldautomaten. Jedoch verliert Bargeld zunehmend an Bedeutung wie wir aus dem Alltag wissen. Also ist auch all das Geld, was als Zahl auf eurem Girokonto erscheint, kein gesetzliches Zahlungsmittel, obwohl wir per Überweisung damit ständig bezahlen.

Limitiert wird die Giralgeldschöpfung der privaten Geschäftsbanken durch die sogenannte Mindestreserveverpflichtung der Geschäftsbanken; die Geschäftbanken in der EU müssen einen sogenannten Mindestreservesatz von 2% Zentralbankguthaben („echtes Geld“ = „gesetzliches Zahlungsmittel“) einhalten. Dies bedeutet Geschäftsbanken können also „nur“ das 50fache ihrer Zentralbankgeldguthaben als Giralgeld in Form von Krediten schöpfen. Wieviel von diesem geschöpften Giralgeld gibt es wirklich in Relation zum normalen Bargeld? Momentan (Stand: 5. März 2009) sind in der Eurozone 729 Mrd. Euro Bargeld im Umlauf und Giralgeld gibt es die 11-fache Menge, also 8,6 Billionen Euro (Quelle).
Zur Vertiefung des Wissens über unser Geldsystem sei hier die recht lesenswerte Broschüre der Bundesbank (pdf) empfohlen. Sie ist als Lernmaterial konzipiert, also verhältnismäßig verständlich geschrieben (siehe z.B. S. 36 für „Giralgeld ist kein gesetzliches Zahlungsmittel“).

Diese Art der Geldschöpfung aus dem Nichts, eben die Giralgeldschöpfung durch die privaten Geschäftsbanken, ist beispielsweise in den USA während des Immobilienbooms völlig aus dem Ruder gelaufen als Leuten Kredite angedreht wurden, die eigentlich überhaupt nicht kreditwürdig waren, also keinerlei Sicherheiten vorzuweisen hatten. Trotzdem haben die Banken massiv Giralgeld geschöpft und an die Kreditnehmer ausgeteilt. Und nun sitzen die Banken auf vielen faulen Krediten, die nicht mehr bedient werden können und wo keine ausreichenden Sachsicherheiten mehr abzugreifen sind. Auch deshalb gibt’s jetzt die große Finanzkrise, die mittlerweile immer stärker die Realwirtschaft erfasst. Gut dass der Staat (=Steuerzahler) da jetzt aushilft und die Banken rettet. :-(

Es gibt im übrigen einige Kritiker, die diesen Mechanismus der Giralgeldschöpfung durch private Geschäftsbanken verurteilen. Diese Kritik reicht mindestens bis zur letzten Wirtschaftskrise der 1930er Jahre zurück, wo einer der Hauptkritiker der US-amerikanische Ökonom Irving Fisher war, der ein 100% durch Zentralbankgeld gedecktes Geldsystem gefordert hat, um solche verhehrenden verheerenden Krisen zu vermeiden. Heute sind die Kritiker beispielsweise Joseph Huber & James Robertson, die fordern, dass Geldschöpfung in öffentliche Hand gehört und nicht in die Hand der Privatbanken. Ein weiterer Kritiker ist Wirtschaftsprofessor Bernd Senf, der sich in einem Interview des Tagesspiegels wie folgt geäußert hat:

„Die privaten Geschäftsbanken schöpfen Geld aus dem Nichts und bringen es als Kredit in Umlauf. Dadurch wird es eine sehr reale Forderung gegenüber Schuldnern, und diese Schuldner müssen dann für dieses Geld auch noch Zinsen zahlen und den Kredit tilgen. Wenn sie das nicht schaffen, dann hat die Bank Zugriff auf deren Eigentum. Das ist eigentlich ungeheuerlich. Auf diese Problematik hatte schon Irving Fisher in den 30er Jahren hingewiesen und ein Giralgeld gefordert, das zu 100 Prozent durch Bargeld gedeckt sein muss.“

Eine Kritik, die eigentlich jedem intuitiv einleuchtet: Die Bank schafft etwas, was sie nicht hat, verleiht es, und fordert dafür mehr zurück: Kreditzurückzahlung + Zinsen. Oder wenn Tilgung + Zinsen nicht mehr bedient werden können, fordert die Bank das Eigentum des Kreditnehmers ein.

Verwandte Artikel: Die Macht der Geldschöpfung, Geldschöpfung in öffentliche Hand statt Bad Bank

16. Apr 2009 · Totontli · 4 Comments
Posted in: NON-BIRD

4 Responses

  1. hike - 17. Apr 2009

    sehr gut aufbereitet. jetzt hab ichs auch kapiert;-)

  2. youGrow - 3. Aug 2009

    Vielen Dank! Guter Artikel! Die Geldschöpfung muss vollständig ins Zentrum der Politik gestellt werden um die großen Probleme der Menschheit wirklich zu lösen!

  3. Totontli - 3. Aug 2009

    Zustimmung. Bevor solch eine Frage ins Zentrum der Politik gelangen kann, gehörten diese Fragen rund um die Geldschöpfung zumindest erst einmal in die öffentliche Diskussion. Leider findet aber solch eine Diskussion in den Mainstreammedien nicht einmal statt. Bleibt aber immerhin die Netzgemeinde als Basis für Themen dieser Art. Apropos Netzgemeinde: Heute hat sogar der Spiegel erkannt, dass Blogger und Twitterer ernstzunehmende Mitglieder der Gesellschaft sind.

  4. • Staatsschulden in Deutschland und die Banken « Finanzen Blog - 21. May 2010

    [...] Die Geldschöpfung von Banken [...]

Leave a Reply